Der Deutsche ist inwendig. Er neigt zur Nabelschau. Das macht ihn gegenüber Impulsen von außen naturgemäß weniger aufgeschlossen. Wie schwer wir uns mit deren Chancen tun, hat sich seit 1945 drei Mal erwiesen: Zum ersten bei der Aufnahme der kriegsbedingten deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten; zum zweiten bei der Integration der angeworbenen Gastarbeiter in den 1960er Jahren sowie zum dritten ab 1989, als zusammenwachsen sollte, was zusammengehört.

Insofern war die letztjährige Willkommenskultur, sicher nicht zuletzt durch Angela Merkels historisches Diktum vom „Wir schaffen das!“ beflügelt, eine ebenso erstaunliche wie erfreuliche Anomalie – und zudem ein ermutigendes Signal, wie viel Substanz in unserer Bürgergesellschaft tatsächlich steckt.

fliehkraefteDeutschland hat sich über die Jahrzehnte der prosperierenden Bonner Republik eingerichtet. Nicht zuletzt unter den Schutzschildern der NATO sowie eines historischen Versagens, das – zuletzt fast reflexhaft, wo die tatsächlich (potenziell) Schuldigen doch sukzessive wegstarben – bemüht wurde. Das hat es uns überhaupt erst möglich gemacht, aus Ruinen aufzuerstehen (jedenfalls in der BRD – die DDR wusste davon nur ein Lied zu singen) und zu einer der wohlhabendsten Nationen weltweit aufzusteigen. Phoenix aus der Trümmerasche. So kam es unter anderem, dass Waffen aus deutschen Schmieden nach wie vor weltweit zu den modernsten zählen und ein Exportrenner sind – während die Bundeswehr lange genug als Entwicklungshelfer mit Helm Brunnen bohrte.

Und nun? Nun müssen wir uns mit den Realitäten auseinander setzen, die mit dem Einigungsvertrag noch in der Ära vierstelliger Postleitzahlen vom Rhein an die Spree umgezogen sind – und inzwischen auch weit über diese hinausweisen. Da drohen wir mit unserem kultivierten Bausparernaturell und unserer (selbst)befriedeten Besitzstandsdenke natürlich etwas den Anschluss zu verpassen.

Deutschland, so der damalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck 2002, werde auch am Hindukusch verteidigt. Ein Satz, der es wie Merkels Appell des vergangenen Jahres verdient hätte, in den historischen Kanon der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen zu werden. Diese Tatsache scheint bis heute (also: gestern) am deutschen Bewusstsein vorbeigegangen zu sein. Nunmehr stehen zwölf Tote für diesen Umstand ein.

globalisierungDer US-amerikanische Wissenschaftler James Moore prägte vor über zwanzig Jahren den Begriff der Business Ecosystems, ein Modell, das das Beziehungsgefüge von Teilnehmern an Marktprozessen mit den Funktionsweisen von Ökosystemen vergleicht; Wirtschaft als ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten, Ursachen und Wirkungen, in dem gemeinsame Anstrengungen (Symbiosen wären dafür sicher ein gutes Beispiel) eine evolutionäre Entwicklung ermöglichen. Dies würde nicht zuletzt für die Abwehr invasiver Arten gelten. Übertragen auf unsere Gesellschaft müssen einsickernde Terroristen diesen invasiven Arten zugerechnet werden. Kein (Frontex-)Jägerzaun wird die Fliehkräfte aufhalten. In Wahlurnen geworfene Protestkreuze ebenso wenig. Es ist an der Zeit zu verstehen: Wir leben in Societal Ecosystems.

Und so lautet das Vermächtnis der Berliner Zwölf: Wir wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir jetzt den Sand in den Kopf stecken würden. Eine solche Vorgehensweise würde sich allenfalls als Zitat des Jahres für die Sportschau empfehlen – nicht dagegen für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Klar ist dabei: Mit einem demonstrativen oder trotzigen Besuch von Weihnachtsmärkten ist es nicht getan: Wir müssen handeln. Brutto 82 Millionen Mal. Es ist unsere Gesellschaft. Bundespräsident Gauck hat das verbindlich formuliert:

Wir in Deutschland machen uns heute bewusst, wir leben in einer starken Gemeinschaft, in der das Recht zählt und die Menschlichkeit. Sie sind das Fundament unseres Staates und unserer Gesellschaft. Sie sind der Boden, auf dem wir stehen. Und wir wissen: Diese Gemeinschaft reicht weit über unsere Landesgrenzen hinaus.