Ein Freund hat seinen Job in einer Beratungsgesellschaft gekündigt und bei einem kleinen Unternehmen in der Diaspora westwärts Köln angefangen. Begründet hat er das mit zwei Aspekten: Zum einen wollte er näher an seiner Familie (Eltern, Bruder) sein, zum anderen weniger arbeiten. Zumindest den letzten Punkt will er im Bewerbungsgespräch für den neuen Posten ernsthaft vorgebracht haben. Er ist trotz mehrfacher Nachfrage bei dieser Aussage geblieben, es muss ihm also geglaubt werden.

Bevor nun alle Vertreter der Generation Y ff. in Jubel ausbrechen, weil sie glauben, die Zukunft habe Einzug in das Arbeitsleben gehalten: Besagter Freund nimmt dafür billigend in Kauf, weniger Geld zu verdienen – und so weit sind die weltenwandernden, dematerialisiert-share-ökonomischen Junghedonisten dann doch noch nicht; jederzeit das neueste Smartphone schlägt gegen Monatsende ebenso zu Buche wie die abonnierte Obstkiste mit eingeflogenen Biobananen oder die airbnb-gebuchte Penthouse-Wohnung in irgendeiner Weltstadt, der man schnell mal über das Wochenende (und ohne klimaneutral gestellten Flug) eine Stippvisite abstattet. Dies alles will bezahlt sein, und was ist dafür zu tun? In aller Regel zu arbeiten. Alternativ: Erben, reich einheiraten (völlig aus der Mode, was wir demnächst an dieser Stelle beleuchten werden), Systemnomadentum oder Kriminalität.

Niemand wird bestreiten wollen, dass weniger arbeiten eine gute Sache ist. Erkauft wird das i. d. R. mit weniger Lohn, jedenfalls in unserem derzeit gültigen systemischen Umfeld (höher, schneller, weiter). Das muss eben noch verstanden werden.

KoelnEs war die anerzogene und erlebte Vollkasko-Mentalität mit Netz und doppeltem Boden der jungen Was-kostet-die-Welt-Menschen, die Großbritannien den Brexit beschert hat. Ach, die EU war doch immer schon da (was macht die eigentlich so?), uups, jetzt ist sie plötzlich weg? Hätte ich mich etwa doch an die Urne bemühen müssen? Gab es dafür denn keine App? Sh… äh, was wohl die Kollegen am collaborative beta work space sagen werden? Überhaupt, hieß der früher nicht mal Garage? Habe da doch irgendetwas über Bill Gates gelesen… oh, eine neue Facebook-Nachricht… ach, Kinder, möchte man da rufen, schaut doch einmal hier. Leider deutsch und zu früh (1983) veröffentlicht… Abgewählt haben die EU die Mittellosen, die Alten und die mittellosen Alten (anzunehmen ist hier eine Schnittmenge zur deutschen AfD-Wählerschaft, was belegt: Politik müsste viel stärker vermitteln!).

Die Zukunft der Arbeit im Hier und Jetzt: Unternehmen bieten bis zu 100 und mehr verschiedene Arbeitszeitmodelle an, dazu betriebseigene Waldkindergärten, anthroposophisches Mobiliar, nach Mondphasen bekochte Kantinen, jährliche Gesundheits-Checks und Sportkurse in Ausdruckstanz – und die Mitarbeiter gehen reihenweise in die Knie – zu viel Stress.

Schnitt: Die meisten von uns dürften Tote (von Familienmitgliedern vielleicht einmal abgesehen) Zeit unseres Lebens allenfalls aus der Tagesschau kennen (ganz anders als Heimkehrer, Trümmerfrauen oder etwa die Einwohner von Aleppo), sodann vielleicht noch aus dem Weltnetz (dessen Angebote allerdings oft genug keinerlei nachrichtliche Distanz kennen und sich deshalb umso mehr in Netzhaut und Hirnlappen brennen).

Einen Gutteil unseres ganz persönlichen, trommelfeuernden Stahlgewitters verursachen wir also selbst: Auf unserer Jagd danach, nur ja nichts zu verpassen, uns permanent zu zeigen, immer vorne mit dabei und – ganz wichtig – von allen geliebt sein zu wollen. Prinzip Häwelmann: „mehr, mehr!“.

Besser wäre wohl die Lex Lustig: „Ab-schal-ten!“.

In den USA haben Wissenschaftler ein interessantes Phänomen untersucht: Immer mehr, vor allem: junge, Menschen mobben sich in den sozialen (sic!) Medien selbst – und attackieren sich von persönlich angelegten Fake Accounts aus auf ihren eigentlichen Internet-Präsenzen. Die Forscher erklären dies mit einem Mangel an Aufmerksamkeit im eigenen „Freundeskreis“. Das liest sich wie die Fortsetzung der plastisch-chirurgischen Brustvergrößerung – die auch mal ein Sport unter weiblichen US-Teenagern war – mit anderen Mitteln.

Wir haben es also auch selbst in Schuld. Sobald wir feststellen, dass unser (Arbeits)Umfeld nicht zu unseren Vorstellungen davon passt, wie wir unser Leben bestreiten möchten, können wir gehen. Ganz einfach. Um mir das begreiflich zu machen, hat mich mein Arbeitgeber einmal zu einem recht kosten- (und arbeits!-) intensiven Seminar geschickt, dessen Trainer von seinem philippinischen Privatstrand eingeflogen worden war und in dessen Verlauf Teilnehmer in Tränen ausbrachen, vorzeitig abreisten oder nackt um die Seminarstätte liefen, an dessen Ende schließlich Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ mit orgiastischer Phonstärke über die restverbliebenen, schneidersitzigen Teilnehmer in der Feng Shui-basierten Seminarhalle hinweg brauste. Zunächst einmal recht verstörend.

SportartenVon diesem Seminar habe ich indes mitgebracht: Ein Stück rote Schnur, das für die roten Linien steht, die wir manches Mal in unserem Leben zu überwinden haben; und sieben Glasmurmeln, die dafür stehen sollen, mit wie viel Einsatz wir unser persönliches Spiel gerade bestreiten – sind es drei oder weniger, besteht dringender Handlungsbedarf: Situation korrigieren oder verlassen. Also sprach unser Trainer und flog wieder auf die Philippinen. Und der Mann hatte Recht.

Was hat das jetzt alles mit meinem Freund zu tun? Nun: Er hat (hoffentlich) mehr Freizeit bei weniger Gehalt. Ich habe mehr Arbeit und weniger Haare. Ist da jetzt weniger oder mehr mehr? Eine Frage der Perspektive wohl. Wichtig nur: Es ist UNSERE EIGENE.

Bevor Sie JETZT ab-schal-ten, noch etwas Vollgas ganz ohne Stress: die Accelerationen von Johann Strauss Sohn

Vorhang!