BrillenschlangeFrüher (als bekanntlich alles besser war) konnten Helikopter-Eltern noch verlässliche Entscheidungen treffen: Ein Bekannter erhielt eine gut dotierte Anstellung in Darmstadt. Ein Umzug mit Frau und zwei deutlich noch nicht schulpflichtigen Kindern stand ins Haus. Letztlich landete die Familie in Aschaffenburg. Bis Darmstadt sind es so etwa 50 Kilometer. Mittelstrecke für ambitionierte Pendler.

Den Ausschlag gab Pisa – nicht das 950 Kilometer südlich gelegene, sondern das PISA 600 Kilometer westwärts. Dort befindet sich Paris, und Paris ist Dienstsitz der OECD. Deren Studie bewog den Bekannten, sich selbst das Pendeln anzutun – und seiner Familie Aschaffenburg. Denn Bayern Bildungssystem schnitt in den Augen der OECD besser ab als dasjenige Hessens.

Schnee von gestern. Heute sprechen wir über Drohnen-Eltern – sowie darüber, dass Wohnorte sinnvoller Weise unter klimatischen sowie geostrategischen Gesichtspunkten ausgewählt werden sollten. Welche Stadt befindet sich:

  • möglichst weit entfernt von sämtlichen Außengrenzen (vor allem solchen an Wasserlinien),
  • in einer entweder bereits ausgebeuteten oder natürlich rohstoffarmen Region sowie
  • generell weit ab vom Schuss?

Dabei sind selbst so weitreichende Kriterien ohne Gewähr: Das lehren Würzburg und Ansbach.

Unsichere Zeiten also, so weit, so bedauerlich. Spannend ist jetzt Folgendes: die offenkundige Rückkehr der Werte nämlich. Seit Jahren kursieren sogenannte Motivationsschreiben, in denen junge (und eben motivierte) Menschen ihrem potenziellen Arbeitgeber unter anderem glaubhaft versichern, warum es ihnen eine Herzensangelegenheit ist, sich für das große Ganze einzubringen. Kann man machen. Dennoch ein Ratschlag an Bewerber: weniger nach Check-Listen arbeiten, auf Leserseite relativiert sich der Eindruck sehr persönlicher Motive, wenn man sich erst einmal durch zehn oder zwanzig schematisch aufgebaute Anschreiben durchgearbeitet hat.

GhanaKonkreter – und bedenkenswerter – wird es ja immer dann, wenn die Dinge in das eigene Umfeld Einzug halten: Meine Nichte geht im September für ein Jahr nach Ghana (Anrainerstaaten: Elfenbeinküste, Burkina Faso, Togo). Drei Stationen in einer Schule, einem Kranken- und einem Waisenhaus. Da wird man dann doch hellhöriger. Hätten es nicht auch drei Monate getan? In einer Außenstelle des Goethe-Instituts – zum Beispiel in Namibia (vormals Deutsch-Südwest)? Überhaupt: Wir haben doch genug Elend vor der eigenen Tür, auch und gerade in Berlin, wo sie zur Welt gekommen ist und seither lebt. Nichts zu machen. Im September geht der Flieger. Dahinter muss mehr stecken als ein von ganz langer Hand vorbereitetes Motivationsschreiben (zumal der jungen Dame jeder karrieristische Ehrgeiz abgeht. Nach ihrer Wiederkehr möchte sie übrigens Ethnologie studieren…).

Es scheinen also Werte im Spiel zu sein – Donnerknispel (erinnert sich noch jemand an die ZDF-Weihnachtsserie „Nesthäkchen“? 1983 war das, da hatten wir noch vierstellige Postleitzahlen, keine Helikopter-Eltern und die Welt war in Ordnung – jedenfalls morgens um sieben). Da möchte wohl jemand der Gesellschaft etwas geben, noch bevor er von ihr so richtig etwas erhalten hat. Was würde der Immobilienmakler auf Präsidentschaftskurs in Übersee dazu sagen? Ist das anarchistisch? Unzeitgemäß? Unbedarft? Schlicht ein feiner Zug?

Wenn es das nur wäre. Tatsächlich ziehen nicht nur junge Menschen in die Welt, um zu geben statt zu nehmen; es sind auch solche, die mitten im Leben stehen. Zwischenzeitlich war ja mal die Midlife Crisis erfunden worden für all die Aussteiger auf Zeit, die dem Systemdruck ausweichen wollten – um Atem zu holen für den zwanzigjährigen Schlussspurt auf die Ruhestandsparzelle (hat sich die Generation der Trümmerfrauen eine Midlife Crisis gegönnt?).

Davon ist hier aber nicht die Rede: Wir sprechen von Überzeugungs-Mildtätern. Und kommen damit zum Reisegruß (den ich zu „Nesthäkchen“-Zeiten noch hätte über das Radio absetzen lassen müssen):

SuedafrikaFür die kommenden (immerhin: nur) drei Monate müssen wir ohne eine Kollegin auskommen, die sich auf nach Südafrika macht. Nicht, um auf- und durchzuatmen (auch, wenn sie an ihrem Reisegeschenk, einem Taschenmesser, als erstes den Korkenzieher entdeckte) – sondern, um sich dort sozial zu engagieren. Heute haben wir Tschüss gesagt, morgen geht ihr Flieger, in drei Tagen fängt sie ihre Arbeit an – grob geschossen 10.000 Kilometer von hier entfernt. DONNERKNISPEL!

Wenn sie ihren Beitrag geleistet hat, kehrt sie über den Jakobsweg zurück ins Rheinland an den Schreibtisch – und bringt dann sicherlich viel mehr mit als aufgeladene Arbeitsakkus.

Was ist hier im Schwange? Geht etwa die Nächstenliebe um? Kehrt unsere Gesellschaft zum Glauben zurück, also eigentlich zur (nicht religionsspezifischen) Menschlichkeit? Aktuelle Statistiken, hiesige Ereignisse und das Weltgeschehen sprechen zunächst dagegen. Und dennoch: Wir sind auf dem Weg. Das BMFSFJ verzeichnet im Rahmen seines Freiwilligen-Surveys seit 1999 eine stetig zunehmende Engagement-Quote der Bundesbürger. Zuletzt waren es knapp 44 Prozent. Datenabzug: 2014. Allem Eindruck nach hat sich diese Quote seitdem weiter nach oben bewegt, auch wenn es parallel Gegenbewegungen gab. Intakte Körperschaften rücken zusammen, wenn der Außendruck wächst. Ich bezeichne das als „Solidarnosc-Effekt“.

TschuessWIR SCHAFFEN DAS. – naiv? Opportunistisch? Unsinn: ehrlich. Aus bundesbürgerlicher Sicht haben wir zu konstatieren: Was für ein Glück, dass Dr. Angela Merkel zum rechten Zeitpunkt mit der passenden Biographie und Visitenkarte an Ort und Stelle gewesen ist. Ihre letztjährigen Worte haben das Potenzial, nicht nur in die deutschen Geschichtsbücher einzugehen; und jeder einzelne kann es ihr gleich tun – wenn wir lernen, wieder mehr zu geben, nicht nur zu nehmen. Allen, die das bereits heute tun, insbesondere unserer Kollegin: Glückauf! Wir freuen uns schon heute auf ihren Erlebnisbericht, der von einer der leisen Weisheiten des Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry handeln wird:

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Wer sich inspirieren lassen möchte, wie geben geht, bitte hier entlang.

Übrigens sollte es in diesem Beitrag ursprünglich um Haare gehen: stromlinienförmige, widerspenstige, (nicht mehr) vorhandene. Tempus fugit.