kraftstoffverbrauch_cover2In der Spitze übersteigen die tatsächlichen Verbräuche unserer Automobile die Herstellerangaben um mehr als 40 Prozent. Kein Kavaliersdelikt, gewiss. Aber wie viel Grund für aufrichtige Empörung bietet dieser Umstand? „Das macht Spaß! Ich geb‘ Gas, ich geb‘ Gas! Will nicht spar’n, will nicht vernünftig sein, tank‘ nur das gute Super rein, ich mach‘ Spaß! Ich geb‘ Gas!“ – auf Zeltfeten, Abi-Treffen, Kellerbar-Revivals und dergleichen sorgt dieses Lied von One and a half-Hit-Wonder Markus aus dem Jahr 1982 nach wie vor für gute Laune – obwohl seine Botschaft irgendwie überholt klingt.

Heute gehört es zur Ausbildung jedes Fahranfängers, möglichst ressourcenschonend von A nach B zu gelangen. Der Anzahl Bilder- und Bärchen-bewehrter Gedenkkreuze entlang unserer Landstraßenalleen hat das indes keinen Abbruch getan. Dass StVO-Debütanten nur deshalb ums Leben kommen, wenn ihre Boliden mit Tempo 30 in deutsche Eichen einschlagen, weil sie nach einem Alkopop zu viel vergessen haben, sich anzuschnallen, wird wohl niemand behaupten wollen.  Nein, es gilt nach wie vor das Gesetz der Straße:

freie Fahrt für freie Bürger! Blei(frei)fuß.

Warum sollte man den neureichen Chinesen, die ihre Statussymbole aus deutscher Produktion gerne hierzulande mit Endgeschwindigkeit einfahren, bevor sie sie ins Reich der Mitte einschiffen lassen, auch das Feld überlassen? Zumal das tobende Endgame of Oil bei jedem Boxenstop an der Zapfsäule einen Endorphin-Kick auslöst? Alles super.

oelstaetten_forderkostenDa wir Verbraucher nicht bis übermorgen denken (geschweige denn: für übermorgen handeln) können, drücken wir also weiter auf die Tube, und das immer lieber in rollenden (Pseudo)Festungen: my home is my castle – SUVs erzielten 2015 einen Zulassungszuwachs von 20, Geländewagen von zehn Prozent. Das wird so lange gut gehen, bis die Ölförderung „auf Pump“, die Defizite in Kauf nimmt, um den Anbietermarkt zu bereinigen, ihr Ziel erreicht hat:

Wir werden es an der Tankstelle erfahren, wenn Russlands weltpolitische Ambitionen aus dem Rennen ausgeschieden sind, weil es sich diese schlichtweg nicht mehr leisten kann.

Früher, zu Markus‘ Zeiten, hieß das „Frieden schaffen – ohne Waffen“. Prognose: Ist dieses Ziel erst mal erreicht, werden die Kleinwagenzulassungen durch die Decke schießen. Und womöglich auch die von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Vielleicht wird es dann Retro-Sondereditionen geben, beispielsweise von Volvo, die dann serienmäßig mit Greenpeace-Regenbogen-Aufkleber an der Heckscheibe ausgeliefert werden. Und vielleicht können wir dann auch einmal wieder einen autofreien Sonntag lang ganz gemütlich über unsere Schnell(st)straßen flanieren, Wer weiß.

oelfoederung_top10_2015Das beste Mittel für einen lebensrettenden und umweltfreundlichen Fahrstil wären übrigens Staus. Da sind wir in Deutschland auf einem guten Weg: Auf 1,1 Millionen Kilometer summierten sich die gemeldeten Staus 2015 (obacht: Quelle ADAC…), einmal mehr Allzeit-Hoch. 28 mal um die Erde, da hilft kein noch so moderater Fahrstil. Da bräuchte man schon ein perpetuum mobile – und jede Menge Zeit.

Sicher: Man kann darüber diskutieren, ob es opportun ist, Außenspiegel zu demontieren, Schlitze zu verkleben und Reifen mit Hockdruck zu befüllen, ehe es auf den Rollenprüfstand geht, um die Verbrauchswerte für den FSC-zertifizierten Hochglanzprospekt zu ermitteln. Aber das trifft – einmal mehr – nicht den Kern des Problems. Der Kern, das sind wir. Unsere leistungsfähige Wirtschaft (in der die meisten von uns ihr tägliches Benzin verdienen) hat sich immer als innovationsfähig und auch flexibel genug erwiesen, Märkte zu erschließen, wo welche gewesen sind.

Im Automobilbereich ist der Markt im Augenblick mindestens 1,5 t schwer und tut zumindest so, als würde er über Allradantrieb verfügen.

In der tagesaktuellen Aufregung sind wir selbst also einmal mehr im toten Winkel. Gut so, denn: Wer in der Fahrgastzelle sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen (wer auf Autobahnbrücken steht, sollte es auch nicht tun, aber das nur am Rande): So weit man den Statistiken des „Mit industriefreundlichen Grüßen“-Kraftfahrt-bundesamtes (KBA) vertrauen kann, kaufen die Bundesbürger alternative Antriebe bis dato eher recht verhalten… daran hat auch der 2016 beschlossene, positive Lenkungsanreiz der Bundesregierung, umweltfreundliche Automobilisten zu subventionieren, soweit erkennbar wenig geändert. Womit wir beim zweiten Brennpunkt sind: der Politik.

pkw_bestand_2016Bundesumweltministerin Hendricks präsentierte in Marrakesch einen Klimaschutzplan, aus dem Partei(buch)kollege und Bundeswirtschaftsminister Gabriel in der Schlussredaktion die gesetzten Termine für ein Verbot fossil angetriebener Neuzulassungen wieder hatte heraus redigieren lassen. [möglicherweise auch eine – keineswegs klimaneutrale Retourkutsche – dafür, dass Hendricks im Frühjahr auf den letzten Metern das Steuer herum gerissen und ihm die bereits gegebene Zusage für eine Wiederzulassung des kontrovers diskutierten Pflanzenschutz-Wirkstoffs Glyphosat entzogen hatte, so dass die sicher geglaubte Reise nach Brüssel vor die Wand fuhr. Aber das spielt hier keine Rolle].

Es ist eines, eine Zielvorgabe zu formulieren: Wie es die damalige Bundesregierung 2009 tat, als sie eine Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen bis 2020 proklamierte (und damit gleichzeitig, problematisch genug, Innovationsanreize  für andere alternative Antriebe ausbremste); ein anderes ist es, dieses einmal in den Raum gestellte Ziel dann jahrelang nicht im Blick zu behalten – um kurz vor knapp festzustellen, dass sich nichts bewegt hat. 156.000 PKW aktuell, fehlen innerhalb der nächsten drei Jahre noch 844.000. Die Subventionierung kommt nicht von ungefähr – offenkundig aber viel zu spät.

Von erforderlichen flankierenden Maßnahmen, um Alltagstauglichkeit und damit Akzeptanz der Elektromobilität zu befördern, wollen wir hier nicht reden. Diese bleiben dann Unternehmen wie z. B. Aldi vorbehalten, das vergangenen Jahr öffentlichkeitswirksam ankündigte, Ladestationen auf seinen Parkplätzen zu installieren. Wir haben es stets gesagt: Wenn Deutschlands Discounter sich des Themas annehmen, dann wird Nachhaltigkeit salonfähig. Und richtig wache Unternehmen bedienen dabei eben nicht nur die bestehenden Märkte, sondern setzen Akzente. Positive Lenkungsanreize.

Zeit, sich an die eigene Nase zu fassen. Aber bitte nur im Stau. Ansonsten gehören beide Hände ans Steuer.

Allzeit gute Fahrt!