GVO – eines von vielen landwirtschaftlichen Reizthemen: Befürworter argumentieren mit Welternährung, Klimawandel und Ertragssicherung, Gegner lehnen die Genmodifizierung wegen befürchteter Gesundheitsrisiken, aber auch aus ethischen Gründen ab. Britische Biowissenschaftler gehen einen neuen Weg: Sie zielen nicht auf Resistenz gegen Hitze, Überschwemmungen oder Schädlinge ab, sondern auf gesundheitsfördernde Eigenschaften: Die Forscher am John Innes Centre in Norwich arbeiten an Nahrungsmitteln, die Zivilisationskrankheiten vorbeugen sollen: mit Gemüse gegen Krebs und Herzinfarkt. Dabei steht die Tomate im Vordergrund, und das aus sehr einleuchtendem Grund: Sie steht auch auf dem Speiseplan ärmerer Menschen, als Ketchup oder Belag für Pizzas und Fastfood.

WeintomatenDie Tomaten werden mit unterschiedlichen Pflanzenstoffen hochgerüstet, zum Beispiel: Anthocyane aus Blau- oder Brombeeren; Resveratrol, das unter anderem in Wein enthalten ist und  lebensverlängernd wirken soll; oder Genistein, der in Sojabohnen zu finden ist und dem nachgesagt wird, Brustkrebs zu hemmen. 2015 präsentierten sie eine Tomate, die so viel Resveratrol enthielt wie 50 Flaschen Wein, und Genistein in derselben Menge wie 2,5 Kilogramm Tofu.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich das – bislang sehr rigide –Bundesbuerger_GVO öffentliche Meinungsbild gegenüber genmodifizierten Nahrungsmitteln darstellen wird, die mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen aufwarten. Bis es so weit ist, wird es allerdings noch dauern, denn die tatsächlichen gesundheitsfördernden Effekte müssen zunächst noch zweifelsfrei nachgewiesen werden; und die Europäische Union legt hier strenge Maßstäbe an, die Hersteller von sog. functional food, deren Werbeversprechen (health claims) seit Jahren wieder und wieder kassiert werden, können davon ein Lied singen.

Geht es hierzulande um additive Nahrungsmittelmerkmale, steht bei GVO in anderen Weltregionen das Schließen von Lücken im Vordergrund: Das können eben ausreichende Erträge sein oder zum Beispiel die Versorgung mit dringend benötigten Nährstoffen – Stichwort „Golden Rice“: Dieser ist mit Vitamin A angereichert und kann so dazu beitragen, gravierende Mangelerscheinungen bis hin zur Erblindung zu vermeiden. Die WHO schätzt die Betroffenenzahl auf 250 Millionen Menschen, allein bis zu 500.000 Kinder erblinden jährlich bedingt durch Vitaminmangel. Angesichts solcher Faktenlagen kann niemand ernsthaft das Nutzenpotenzial von GVO bestreiten.

Golden_Rice_BriefNoch ist der Goldene Reis nicht im Feld. Das hat aber nichts mit seinem Nährstoffgehalt zu tun, sondern mit einer Ertragsleistung, die noch nicht den bislang verwendeten Sorten entspricht. Dessen ungeachtet haben erst Ende Juni 110 Nobelpreisträger in einem offenen Brief die Politik dazu aufgefordert, grüne Gentechnik in der globalen Landwirtschaft zu fördern – und sich in klaren Worten gegen die internationale GVO-Kampagne von Greenpeace ausgesprochen:

Organisationen, die der modernen Saatzucht ablehnend gegenüber stehen, allen voran Greenpeace, (…) gingen gegen biotechnologische Innovationen in der Landwirtschaft vor. Sie stellten deren Risiken, Nutzen und Auswirkungen verzerrt dar und unterstützten die kriminelle Zerstörung von behördlich genehmigten Freilandstudien und wissenschaftlichen Projekten. (…) Wir drängen darauf, die Kampagnen gegen „GMOs“ im Allgemeinen und  gegen den Goldenen Reis insbesondere einzustellen. Wissenschaftliche Institutionen und Regulierungsbehörden der ganzen Welt stellten wiederholt und übereinstimmend fest, dass durch Biotechnologie modifizierte Feldfrüchte und Nahrungsmittel genauso sicher, wenn nicht sogar sicherer sind, als Pflanzen, die durch konventionelle Produktionsmethoden hergestellt wurden. Es gab keinen einzigen bestätigten Fall von schädlichen Gesundheitsfolgen bei Mensch oder Tier durch den Konsum von GMOs. Ihre Auswirkungen auf die Umwelt haben sich wiederholt als weniger schädlich dargestellt, und als fördernd für die globale Artenvielfalt. (…) WIR RUFEN GREENPEACE AUF ihre Kampagne gegen den Goldenen Reis im  Speziellen, und gegen biotechnologisch verbesserte Feldfrüchte und Nahrungsmittel im Allgemeinen einzustellen und keine weiteren Aktionen dahingehend durchzuführen (…) Opposition, die auf Emotionen und den  vorliegenden Daten widersprechendem Dogma basiert, muss verhindert werden.

Causa_NiggliNicht nur für Greenpeace stellt das Thema Landwirtschaft ein sehr potenzialträchtiges dar (hierzulande spätestens, seit mit der Energiewende die Stromwirtschaft als aufbaubares Feindbild verloren ging); die NGO ging mit dem Appell der weltweiten Spitzenforschung in gewohnter Manier um – und demonstrierte mäßiges Interesse. Nicht auszuschließen, dass sich das globale Kampagnenunternehmen dieses Mal verhebt. Wie viele Nobelpreisträger hat Greenpeace in der eigenen Belegschaft? Die mutigen Schlauchbootfahrer von einst riskieren, ihre Satisfaktionsfähigkeit einzubüßen – und den Anschluss an die weitere öffentliche Meinungsbildung zu verlieren. Das wäre grundsätzlich ein Jammer, in jedem Fall aber selbst verschuldet: Heute noch auf hohen Rossen… ein wenig mehr der alten Attitüde täte der Umweltschutzorganisation gut – höflich formuliert. Ansonsten werden die Regenbogen-Aktivisten von den Notwendigkeiten schlichtweg überholt. Sich gegen eine ausreichende und ausreichend gesunde Ernährung unserer wachsenden Weltbevölkerung zu stellen, um eine spendenfreudige lokale Klientel zu bedienen, ist jedenfalls kein nachhaltiges Geschäftsmodell; zumal die Ökobilanz der SUV-fahrenden Biomarktbesucher bei näherer Betrachtung durchaus diskussionswürdig ist, wie das Umweltbundesamt (UBA) unlängst aufzeigte.

Wer jetzt noch fünf Stunden Zeit hat, kann sich abschließend noch einmal vor Augen führen: Das Nutzenpotenzial von GVO ist keine neue Erkenntnis. Zumindest auf Entscheidungsträgerebene sollte der eine oder andere NGO-Vertreter alt genug sein, sich an die ZDF-Vorweihnachtsserie „Patrik Pacard – Entscheidung im Fjord“ zu erinnern. 1984 war das, ausgerechnet…