heimtiermarktTabletten töten Tiere! Für diese Behauptung, gemünzt auf ein Anti-Zecken-Präparat, gibt es – außer zahlreichen Facebook-Posts inklusive herzergreifender Fotos von properen Vierbeinern in ihren besten Tagen – keinerlei Beleg; dennoch bereiten sie dem Hersteller des Medikaments Kopfzerbrechen. Wie kann es sein, dass offenkundig aus der Luft gegriffene Räuberpistolen forschende Unternehmen derart unter Zugzwang setzen? Ein Lehrstück in digitaler Hysterie (und darüber, warum Digitalisierung ein geeignetes Thema für die Bundestagswahlen 2017 ist).

Angeblich pflegen wir ein neurotisches Verhältnis zu unseren privaten Kraftfahrzeugen. Das mag in Teilen weiter gelten. Allerdings muss man heute schon etwas suchen, ehe man an vorstädtischen Samstagen auf Menschen trifft, die selbstversunken auf ihrer Auffahrt mit Gartenschlauch und Fensterleder hantieren. Ein erster Erfolg politischer Lenkungsanreize (Schadstoffeinträge in Grund- und Abwässer), immerhin.

Ein Bereich dagegen, der sich bislang als vollkommen resistent gegen die Vernunft erweist, hört auf „Bello“, „Hasso“, „Miez(miezmiez)“ – usw. usf.

Katzen, deren YT-Videos 75 Millionen mal abgerufen werden und die auf Facebook neun Millionen F&Fs haben; Hunde, die eben dort als „Person des öffentlichen Lebens“ klassifiziert werden und über eigene Webshops verfügen; Hundeschulen-Besitzer, die als Unterhaltungskünstler Stadien füllen und bemerkenswert kostspielige Akademien aus dem Fuchsbau heben:

„Das Haustier ist heute nicht mehr nur Hobby oder Nutztier, sondern als Sozialpartner häufig ein Ersatz für stabile soziale Beziehungen zu anderen Menschen“,

so der Vorsitzende des Bundesverbands der Tierbestatter(!). Ob das auch für Besitzer von Aquarien und Terrarien gilt,marktentwicklung sei dahin gestellt; insgesamt scheint es glaubhaft: Der Heimtiermarkt zählt neben der „Six Feet under“-Industrie zu den krisensicheren Branchen.

Heute stehen wir an einem Punkt, an dem Hundefriseure Schnee von vorgestern sind und Haustierhotels so verbreitet wie der ADAC; modische Miniaturhunde rollen ab Werk in Krokodillederhandtaschen vom Band; kosmetische Operationen für den adipösen Airdale sind vermutlich eine Frage von google; und es scheint nur noch einen Stöckchenwurf weit entfernt, ehe vegan gebarft wird und Agility nach Gabe von geschredderter Alraune bei Vollmond stattfindet.

heimtier_medizinOtto Heimtierbesitzer ist von einem gesunden Verhältnis zu seinem Vierbeiner inzwischen offenbar ähnlich weit entfernt wie sein Cousin Normalverbraucher von den Realitäten der Nahrungsmittelgewinnung: Das Post-Faktische, ein Megatrend, den weder Naisbitt noch andere vorhergesehen haben; eine Entwicklung, die sich erst im Zuge der Digitalisierung wirklich entfalten konnte. Vielleicht wäre Trendforschung etwas für Menschen vom Typ Spasski, Fischer, Karpow oder Kasparow – aber wer meisterlich Schach spielt, bewegt sich innerhalb millionenfacher Kombinationsmöglichkeiten doch auf einem klar umgrenzten Raum.

Dem angeschossenen Hersteller jener angeblich tödlichen Anti-Zecken-Tablette, einem US-Unternehmen, wäre anzuraten: Er sollte den vormaligen Haltern der letal Betroffenen ganz einfach anbieten, ihre verschiedenen Lieblinge autopsieren zu lassen. Natürlich nicht durch irgendeinen Doktor mit dem lieben Vieh, sondern durch eine Heilige Kuh (in diesem Fall zum Beispiel die Tierarztpraxis des MIT oder so ähnlich). Und sollten die Lieblinge eingeäschert auf dem Sims des elektrischen Kaminsims stehen – die Forensik kann allerhand. Jedenfalls im (US-)Fernsehen.

http://www.snopes.com/bravecto-flea-and-tick-warning/