Mit dem Ende der „Jecken Zeit“ sind die Menschen aufgerufen, sich zu besinnen. Verzicht zu üben als Zeichen der Umkehr. Ein Unding in unserer 24/7-Konsumgesellschaft. Verzicht hat keine Konjunktur. Kein Wunder, dass findige Geistliche aus ihren Gotteshäusern ausrücken, um ihre Aschenkreuze to go in den Einkaufszonen an den „Mann“ zu bringen.

Ich habe daheim nachgezählt: Es hängen 37 Oberhemden im Schrank. Die meisten uni blau (in Nuancen, die allenfalls unter dem Mikroskop erkennbar würden), viele (in einem ewig gleichen Potpourri) kleinkariert, dazu noch jede Menge weiß; außerdem elf Paar Manschettenknöpfe sowie deutlich mehr als 37 Krawatten.

Das ist absurd – und zugleich Normalzustand in unserer konsum- und zeigefreudigen Gesellschaft:

„Nein“, schrie Häwelmann, „mehr, mehr! Mach mir die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen.“

Wir haben das „Höher, schneller, weiter“ spätestens, seitdem Ilona Christen selig die halbe Republik in Casting-Karteikästen archiviert hatte, ungefragt verinnerlicht: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Wer es hat, soll’s zeigen. Womit wir stumpf dem globalen Kollaps entgegen konsumieren. Warum? Weil wir es können. Weil wir das gedankliche Konstrukt eines schottischen Philosophen exekutiert und daraus einen weltweiten Exportschlager gemacht haben: Bedarfsweckung. Marktwirtschaft. Aus heutiger Sicht zeigt sich: Revidiert gehört nicht Adam Smith, revidiert gehören wir.

Vermeintlich überlegende Lesens- und auch Wirtschaftsweisen dehnen sich aus, auch geographisch, erleben einen Scheitelpunkt – und implodieren. Der Politologie Herfried Münkler hat diesen scheinbar ewig gültigen Effekt in seinen sehr lesenswerten „Imperien“ bereits 2005 bezeichnet. Wie anderen Kassandrarufern platzt auch ihm angesichts eines tumben gesamtgesellschaftlichen „Weiter so!“ inzwischen zunehmend der Kragen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845

Asche also auf unser Haupt – wegen meiner auch in der Fußgängerzone. Sonst können wir auch Kant auf dem Grabbeltisch begraben:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

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Noch ist Kant nicht ganz verloren: SAPERE AUDE!